Der französische Komponist und Organist Thierry Escaich, der am 17. und 18. März 2026 im Konzerthaus Dortmund im Rahmen eines Philharmonischen Konzerts sein eigenes Werk „Quatre visages du temps“ präsentierte, war am 18. März 2026 zu Gast am Mallinckrodt-Gymnasium. Im Unterricht des Musik-Oberstufenkurses der Q1 stellte er sein Orgelkonzert vor, spielte Auszüge auf der neuen Schulorgel – und vor allem tat er das, wofür er besonders bekannt ist: Er improvisierte mit großer Leidenschaft und Virtuosität. Diese besondere Begegnung kam durch das Engagement des Fachlehrers Herrn Koniusch zustande. Im Rahmen des Lehrplans beschäftigte sich der Kurs mit zeitgenössischer Musik und plante einen Konzertbesuch im Konzerthaus Dortmund. Kurzerhand nahm Herr Koniusch Kontakt zu den Dortmunder Philharmonikern auf und lud Thierry Escaich in die Schule ein. Das Theater Dortmund zeigte sich von der Idee begeistert und stellte den Kontakt her – wenig später folgte bereits die Zusage des renommierten Komponisten.

Das Konzerthaus Dortmund beschreibt Escaich als einen der bedeutendsten Organisten und Komponisten unserer Zeit:
„Er gehört zur Crème de la Crème der Organisten unserer Zeit und wurde zum Titularorganisten der Pariser Kathedrale Notre Dame ernannt, als das berühmte Gotteshaus im Dezember 2024 nach einem verheerenden Brand feierlich wiedereröffnet wurde. Gleichzeitig ist Escaich einer der führenden französischen Komponisten unserer Zeit. Mit dieser Doppelbegabung setzt er eine ehrwürdige, bis ins Mittelalter zurückreichende Tradition fort. Wir begrüßen ihn in Dortmund in dieser Doppelfunktion: als Solisten seines Orgelkonzerts „Quatre visages du temps“. Escaich ist vor allem ein Meister der Klangfarbe, der sich zu dem groß angelegten viersätzigen Werk von einem Gang durch die Musikgeschichte von der barocken Passacaglia bis in die Discomusik unserer Zeit inspirieren ließ.“

In der Kapelle des Mallinckrodt-Gymnasiums stellte sich Escaich den Fragen von mehr als 30 Schülerinnen und Schülern, von denen viele selbst musikalisch aktiv sind. Im Mittelpunkt des Interesses standen dabei vor allem seine Arbeitsweise als Komponist sowie das Improvisieren. Escaich, der von sich selbst sagt, dass er sich mit Musik beschäftigt habe, noch bevor er sprechen konnte, erklärte seinen kreativen Prozess anschaulich: Am Anfang stehe eine poetische Idee sowie eine Vorstellung von musikalischer Form. Diese entwickle er weiter, indem er unterschiedliche Stile und Einflüsse miteinander kombiniere. Dazu passend formulierte er: „Meine Aufgabe als Komponist ist es, die Vermächtnisse vorhergegangener Komponisten zu kombinieren.“

Auch persönliche Einblicke in seine musikalische Entwicklung teilte er mit den Schülerinnen und Schülern. Schon als Kind habe ihn die Orgel während des wöchentlichen Kirchgangs fasziniert; nach den Gottesdiensten habe er selbst erste Melodien ausprobiert. Seine ersten musikalischen Erfahrungen sammelte er jedoch auf dem Akkordeon und im Bereich der Tanzmusik. Einflüsse von Quincy Jones und Michael Jackson prägten ihn ebenso wie Werke von Ravel und Debussy. Als wichtige Vorbilder nannte er zudem Brahms, Bach und die Komponisten der französischen Romantik, insbesondere Gabriel Fauré. Besonders beeindruckte die Lernenden, dass Escaich häufig ohne Instrument komponiert. Der kreative Prozess finde zunächst vollständig im Kopf statt und werde erst später notiert. Dies verdeutlichte er mit den Worten: „Wenn eine Idee, die ich im Taxi habe, gut ist, dann behalte ich sie bis ich im Hotel bin und sie aufschreiben kann. Wenn ich sie wieder vergessen habe, war sie nicht gut.“

Die rund zwei Stunden mit dem Komponisten vergingen wie im Flug. Vor allem die zahlreichen Praxisbeispiele an der Orgel machten seine Ausführungen anschaulich und nachvollziehbar. Dabei wurde auch seine außergewöhnliche Virtuosität deutlich, die bei den Schülerinnen und Schülern großen Eindruck hinterließ: „Faszinierend! Es klingt, als hätte er sieben Hände und drei Füße.“ Ein weiterer Schwerpunkt seines Besuchs war die Bedeutung der Improvisation. Escaich, der am Pariser Konservatorium u. a. Komposition und Improvisation unterrichtet, betonte, dass der erste Zugang zur Musik idealerweise über das Improvisieren erfolgen sollte, da seiner Ansicht nach etwa 90 % aller Musik auf Improvisation beruhen. Gleichzeitig bedauerte er, dass dieser Aspekt im Instrumentalunterricht häufig zu kurz komme. Er ermutigte die Jugendlichen, sich von starren Mustern zu lösen und mit kleinen, überschaubaren Schritten eigene musikalische Ideen zu entwickeln.

Wie eindrucksvoll dies gelingen kann, zeigte sich auch in den musikalischen Beispielen am Abend im Konzert und beim Austausch in der Schule. Ein Schüler beschrieb die Wirkung nach dem Besuch des Konzerts so: „Beeindruckend war die organische Vermischung der Klangfarben. Teilweise war nicht zu erkennen, ob gerade Holz- und Blechbläser spielen oder die Klänge von der Orgel erzeugt werden.“

Zum Abschluss erfüllte Escaich einen besonderen Wunsch: Er improvisierte über das ihm unbekannte Segenslied „Möge die Straße“, das fester Bestandteil vieler Schulgottesdienste ist. Über sechs Minuten hinweg entwickelte er spontan aus der Hauptmelodie eine vielschichtige musikalische Fantasie, die mit begeistertem Applaus aufgenommen wurde. Auch von der neuen Orgel der Schule zeigte sich der französische Komponist beeindruckt und beschrieb ihren Klang mit den Worten „klar, farbig und präzise“. Als Dank für den inspirierenden Besuch erhielt er eine „Mallinckröte“, die er – wie er versprach – in der Orgel von Notre Dame platzieren möchte.

Für die Schülerinnen und Schüler war das Projekt eine nachhaltige Erfahrung. Fachlehrer Koniusch fasste dies treffend zusammen: „Das Gesamtprojekt, beginnend mit der Vorbereitung im Unterricht, über das Konzerterlebnis am Abend bis hin zu dem intensiven, persönlichen Austausch mit diesem außergewöhnlichen Komponisten und Musiker war für die Schüler wirklich nachhaltig beeindruckend und inspirierend. Sowohl Lernende, die selbst Erfahrung als Musiker haben, als auch Schülerinnen und Schüler, die kein Instrument spielen, hingen an seinen Lippen.“
Der Besuch machte eindrucksvoll deutlich, wie wichtig die Verbindung unterschiedlicher Einflüsse ist – in der Musik wie auch darüber hinaus. Aus der Kombination verschiedener Stile, Traditionen und Ideen entsteht Neues. Diese Erkenntnis lässt sich auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben übertragen: Vielfalt und Verschiedenheit sind eine wesentliche Grundlage für Kreativität und Entwicklung.






